Ein strahlend blauer Himmel, glasklares Wasser und kein Lüftchen regt sich. Wer im Sommer in Kroatien unterwegs ist, genießt das Adria-Paradies in vollen Zügen. Doch das Wetter im Mittelmeerraum hat eine Schattenseite, die vielen Skippern nachts den Schweiß auf die Stirn treibt: den Neverin.
Die jüngsten Unwetter im Juli haben es leider wieder gezeigt. Ausgerissene Bojen, gestrandete Yachten und Panik in den Buchten.
In diesem Artikel erfährst du, was dieses Phänomen so gefährlich macht, warum wir selbst an der Kaimauer schon ins Schwitzen kamen und weshalb das Thema Ankerwache völlig falsch verstanden wird.
What the Heck ist ein Neverin? 🌪️
Der Neverin (die kleine, aber extrem dynamische Schwester der Nevera) ist das gefürchteste Sommerunwetter der Adria. Er entsteht meist durch enorme Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit – vorzugsweise am späten Nachmittag oder mitten in der Nacht.
Das tückische an diesem Phänomen lässt sich in drei Punkten zusammenfassen:
Wie er entsteht: Fast ohne lange Vorwarnung. Das Barometer fällt nicht immer drastisch, aber die Luft wirkt plötzlich bleiern und drückend.
Wie heftig er ist: Innerhalb von nur 5 bis 10 Minuten schnellt der Wind von absoluter Flaute auf 50 bis 70 Knoten (Sturmstärke bis Orkan) hoch. Das Meer beginnt buchstäblich zu kochen, Starkregen und Hagel nehmen dir jegliche Sicht.
Wie schnell er vorbei ist: So brutal das Spektakel ist, so schnell zieht es auch wieder ab. Nach 30 bis 60 Minuten ist der Spuk meist vorbei. Zurück bleibt aber oft Chaos, wenn die Crew nicht vorbereitet war.
Aus dem Logbuch: Unsere 2 Aha-Erlebnisse im Unwetter
Wir von der Nautikschule Conrad lehren Seemannschaft nicht nur aus dem Lehrbuch – wir leben sie. Letztes Jahr haben wir selbst zweimal erlebt, wie ungemütlich ein Neverin werden kann.
Erlebnis 1: Abwettern im Bojenfeld
Beim ersten Mal lagen wir in einem eigentlich geschützten Bojenfeld. Als der Wind losbrach, war klar: Vertrauen ist gut, Ankerwache ist besser. Die Zugkräfte, die bei 60 Knoten auf den Bojenstein und das Geschirr wirken, sind gigantisch. Mit durchgehender Wache, kontrollierten Leinen und einsatzbereiter Maschine konnten wir die Situation entspannt meistern – während ringsum die ersten Nachbarboote ins Driften gerieten.
Erlebnis 2: Chaos an der Kaimauer
Das zweite Mal traf es uns festgemacht längsseits an einer Kaimauer. Was viele vergessen: Ein Neverin bringt oft massiven Schwell mit sich. Der Seegang drückte so gewaltig gegen die Mole, dass die Yachten extrem arbeiteten, die Fender überlastet waren und wir zur eigenen Sicherheit von Bord gehen mussten. Zum Glück ist nichts passiert – aber lustig ist definitiv etwas anderes!
Das große Missverständnis: Ankerwache ist überall Pflicht! ⚓
Viele Skipper denken bei der Ankerwache nur an den einen Fall: Der eigene Anker liegt auf Grund und man prüft per GPS-Position, ob er hält.
Das ist ein gefährlicher Denkfehler.
Egal ob du vor Anker liegst, an einer bezahlten Boje hängst oder festgemacht an der Muring/Kaimauer im Hafen befindest: Bei einer Unwetterwarnung bedeutet Ankerwache schlichtweg Deckswache und Alarmbereitschaft.
Merke: Ein Bojenstein kann ausreißen, eine Muringleine schafeln und im Hafen kann dich ein fremdes Schiff treffen, das sich losgerissen hat. Wer schläft, reagiert erst, wenn es knallt. Wer Wache hält, agiert vorausschauend.
3 Praxis-Tipps für deine Sicherheit bei Unwettergefahr
Bojengeschirr immer kontrollieren: Verlasse dich nie blind auf ein Bojenfeld. Schnorchel nach dem Festmachen kurz runter zum Stein. Prüfe das Seil auf Scheuerstellen.
Boot klar machen vor dem Schlafengehen: Handtücher und Stand-up-Paddles an Deck sichern, Bimini einklappen, Motor startklar halten und die eigenen Festmacherleinen gegebenenfalls doppeln oder entlasten.
Lokale Wetter-Dienste nutzen: Standard-Wetter-Apps erkennen lokale Neverins oft nicht. Nutze in Kroatien immer die Warnungen von DHMZ oder Aladin.
Fazit: Vorausschauend segeln statt Panik haben
Ein Neverin ist extrem, aber mit der richtigen Vorbereitung und einer aufmerksamen Crew absolut beherrschbar. Gute Seemannschaft bedeutet nicht, keine Unwetter zu erleben – sondern zu wissen, was zu tun ist, wenn sie kommen.
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